Heute habe ich den einmaligen Rekord geschafft, den ich ganz gewiß nie, nie wieder brechen will: Arbeit von acht Uhr morgens bis ein Uhr nachts – 17 Stunden… klar, dass ich das eigentlich nicht wollte, aber es half nichts, der Tag der Archive musste fertig vorbereitet werden und ohne das, was ich machte, hätte das nie geklappt… nicht, weil ich so ein toller Typ bin, sondern weil die anderen ja genauso viel zu tun haben, wie ich…
Zieht man noch dazu, dass ich in der letzten Nacht kaum geschlafen hatte, kann man sich vorstellen, dass dieser Tag für mich wie im Trance verlief. Immerhin, ohne Schlaf auszukommen kenne ich noch von meiner Magisterarbeit vor drei Jahren und auch vorher schon, etwa bei Anime-Marathons mit meinen Kumpels… toll, dass mir diese Erfahrungen doch etwas anderes gebracht haben, als nur Zeichentrickrausch, Alkoholrausch und einen steifen Nacken…
Die wirklich wahre Erleuchtung kam mir allerdings erst bei der Heimfahrt. Im Wissen, dass ich für ein normales Buch zu bedappert sein würde, hatte ich mir eines mit vielen Bildern eingesteckt, ein Bändchen über Marcel Duchamp. Eigentlich habe ich ja keinen rechten Sinn für moderne Kunst und deswegen habe ich dieses Geschenk immer gemieden… zu zäher Text und ein Künstler, für dessen Kunst ich kein Verständnis habe…durch die Übermüdung war aber alles einfach klasse. Daß Autorin selbst nicht so recht weiß, was sie von Duchamp halten soll – kein Problem! Daß der Mann irgendwie nie eigene Ideen hatte, sondern mehr ein Bonvivant war, der „Kunst“ machte, damit ihn Mäzene unterstützten – wunderbar! Daß es bei ihm nur um Perversionen geht (oder gehen soll, denn wirklich sehen kann man nichts) – warum nicht? Jonathan Littell hat für seine perversen Phantasien sogar den Prix Goncourt bekommen… ich war in diesen Momenten so überzeugt, diesen Künstler wirklich zu verstehen und einzusehen, dass ich ihn zu Unrecht gemieden hatte… ja, ich glaubte sogar, ein Freund und Bruder von Marcel Duchamp und seiner Kunst zu sein und fast wäre ich in der S-Bahn (übrigens der letzten Fahrmöglichkeit nach Freising von Betriebsschluss) sitzen geblieben, nur um das Buch fertig zu lesen…
Noch bizarrer war dann das Nach-Hause-Laufen vom Freisinger Bahnhof. Ich war schon in einem Zustand jenseits von Gut und Böse, die Müdigkeit hatte mich in einem Zustand versetzt, der einem Drogenrausch ziemlich ähnlich gewesen sein muss… ich lief nicht, ich schwebte, alles war trotz Dunkelheit in unwirklichen Farben gehüllt, mir war warm, nicht kalt und es ging derart schnell, dass ich kaum weiß, wie ich wirklich nach Hause gekommen bin…
Aber wie bei jedem guten Rausch – der Kater kam am Freitag, als ich nach nur sechs Stunden Schlaf schon wieder aufstehen musste. Selten so verspannt und übermüdet gefühlt, keine Farben und kein Duchampverständnis mehr…







