Samstag, 9. Februar, 2008...11:00 Uhr nachmittags
Besuch im Büchertempel…
Heute also war Tag 1 meiner fünf freien Tage… ich schweige besser darüber. Mein Vater war mit Guradono und mir bei IKEA, und natürlich war meine Meinung wieder allen lästig… so ist mein Leben, ich soll das Geld verdienen und ansonsten doch so still sein, wie es nur geht… na ja, wahrscheinlich haben alle auch recht, denn ich bin wohl immer noch zu sehr ein Träumer, zu unrealistisch… aber wahrscheinlich schaffe ich es noch, als guter Sarariman meine Seele irgendwann soweit abgetötet zu haben, daß mir das alles nichts mehr ausmacht…
Lieber berichte ich euch davon, wie ich am Freitag beim Büchertempel mein Vorsprechen hatte… ich war natürlich viel zu früh, sicher 30 Minuten vor dem Termin. Ich bin immer zu früh, aus lauter Angst, daß ich mich verspäten, ein Zug ausfallen oder sonst was passieren könnte. Da bin ich ein richtiger Zwangsneurotiker… jedenfalls kam ich in das prächtig-verfallende Gebäude, und dann gleich in den zweiten Stock. Dort war ich vorher erst einmal gewesen… große, staubige Gänge voller grauer Stahlschränke für Karten und Graphiken… da wäre ich gerne Mäuschen und würde darin herumstöbern, was da wohl alles darinnen ist… ich bin dort ganz schön lange hin und herspaziert, habe versucht, meine Nervosität herunterzuspielen, den Geist zu leeren… zum Glück kamen nur wenige Menschen vorbei, aber die sahen mich an, als wäre ich ein Psychopath… und wer weiß, vielleicht haben sie recht?
Schließlich sagten mir die Kirchenglocken von St. Ludwig (übrigens kein sehr schönes Geläut, zu wenig 19. Jahrhundert und zuviel spätes 20., wenn ihr mich fragt), daß die Schonfrist abgelaufen war. Also tief Luft geholt und durch die Tür. Überraschung: der Eckraum der Digitalisierungsstelle scheint im Krieg kaum beschädigt worden zu sein, sogar die originalen Säulen waren noch da… alles vollgestopft mit Schreibtischen… eine freundliche Dame gefragt, wo denn der Herr des Büchertempels zu finden sei… natürlich ganz hinten und als einziger hinter Sichtblenden… also hin, gewartet, bis er fertigtelephoniert hatte und dann hinein…
Das Gespräch war eher seltsam. Es bestand aus einer Schelte über die angeblich falsche E-Mail-Adresse auf meiner Bewerbung (An so etwas kann selbst eine gute Bewerbung scheitern! - natürlich… aber ich kann mir nicht erklären, die, die ich Ihnen aufgeschrieben hatte, stimmt doch eigentlich, schauen Sie mal… - Trotzdem!), einigen Belehrungen darüber, daß ich bei einer richtigen Bewerbung keine Chance gehabt hätte (Sie müssen darauf achten, viel mehr Arbeitszeugnisse beizulegen - aber Herr X, mit dem ich gesprochen hatte, meinte, das bräuchte ich hier nicht, hauptsache, ich würde schnell einschicken - Trotzdem!) und Nachfragen nach meiner Magisterarbeit (Ach, Sie waren auch mit Passau beschäftigt? - Ja, der Inschriftenband mußte damals fertig werden - Ja, ich habe noch mitgekriegt, was das für eine Katastrophe war…). Über meine zukünftige Arbeit wurde fast nicht gesprochen (Haben Sie die Seite im Internet gelesen? - Ja - Mehr weiß ich auch nicht… Hauptsache, Sie können mit Office umgehen…).
Jedenfalls, lange Rede, kurzer Sinn, wenn die Finanzherren des Büchertempels keine Einwände wegen meines laufenden Vertrags bei den Bayerischen Medien & Cie. haben, habe ich ab 1.3. die Stelle. Und ich hoffe, die haben nichts dagegen… ich bin ja schließlich nicht der erste, der mehr als einen Job ausüben muß, um seine Familie zu ernähren, oder?
Nach dem Vorsprechen war ich ganz euphorisch, voller Glück. Eine Bekannte, die schon dort arbeitet (und ohne deren Fürsprache das alles sicher nicht so geklappt hätte - herzlichen Dank!) wollte noch mit mir sprechen, aber ich fürchte, ich war zu aufgekratzt und zu dümmlich-glücklich, um etwas Normales herauszubringen… muß mich bei ihr entschuldigen…
Danach war ich noch in der Schatzkammer des Büchertempels in der neuen Ausstellung: alle acht Corvinen des Büchertempels auf einmal…. die Buchmalerei der Renaissance beeindruckt mich ja nicht so sehr, aber die Schrift! Welche Ausgewogenheit, welche Schönheit und Klarheit… seht selbst! Dort, vor den Handschriften Matthias Corvinus’, bin ich dann wieder zur Besinnung gekommen… Der Katalog war diesmal aber noch dünner und noch teurer als beim letzten Mal… schade!
Der Rest war Arbeit bei den Bayerischen Medien… beinahe wäre es zuviel gewesen und ich hätte heute doch noch wieder dahin müssen, aber ich habe mich durchgebissen… bin lieber bis nach 22 Uhr geblieben…
Morgen bin sicherlich ausgeschlafener, dann schreibe ich euch die nächste Rezension. Mal sehen, ob sie meiner Statistik auch so gut tun wird wie die letzten…
Vielleicht melde ich mich aber auch gar nicht, denn ich muß mir überlegen, was ich der Herrin der Inschriften antworten soll: ob ich nun doch weiter für sie arbeiten soll, oder nicht. Eine schwierige Entscheidung… das Herz sagt mir, daß ich mich noch zu Tode arbeite, wenn ich dann drei Jobs nebeneinander erledigen müßte, aber mein Bauch, mein Geldbeutel und meine Loyalität sagen wohl: mach’ es trotzdem… ich bin da wirklich noch hin und hergerissen… schade, daß man nicht einfach wegrennen kann… das wäre praktisch…








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